Belgrader Hauptbahnhof

Der Mittwoch begann mit einer Führung durch das jüdische Museum von Belgrad, nur einen Straßenzug von unserem Hostel entfernt. Das Museum wurde bereits im Jahr 1948 gegründet und befindet sich in einem Gebäude, das vor der Zeit des Faschismus den sephardischen Juden Belgrads als Gemeinschaftshaus diente. Obwohl die Dauerausstellung noch aus Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens stammt, hat sie bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. In dem großen Ausstellungsraum befinden sich hinter den großen Glasvitrinen faszinierende Exponate aus 2000 Jahren jüdischer Geschichte und Kultur aus dem gesamten Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Damit wird der verbreiteten Reduzierung der jüdischen Geschichte auf ihren vermeintlichen Endpunkt, den Holocaust und die unvorstellbaren Opferzahlen, ein Panorama des gesamten jüdischen Lebens entgegengesetzt. Die ausgestellten Kultgegenstände, zeremoniellen Kleider, Kunstwerke und persönlichen Zeugnisse, berichten eindrücklich vom Reichtum und der Vielfalt jüdischen Lebens, welche durch die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure unwiederbringlich zerstört wurden. So lassen sie die Gräuel der nationalsozialistischen Verbrechen dann auf den zweiten Blick umso deutlicher hervortreten. Zum Weiterlesen klicken sie bitte auf mehr lesen... 

Noch mit den Eindrücken der Führung beschäftigt, machten wir uns abermals auf den Weg zur Rosa-Luxemburg-Stiftung. Hier erwartete uns ein Gespräch mit Milo Petrović, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Spanienkämpfer in Serbien. Er berichtete uns über die Rolle, welche die ehemaligen Spanienkämpfer für den Widerstand gegen das Besatzungsregime und die Partisanenbewegung spielten. Besonders beeindruckend war es zu erfahren, dass die Stimme der Spanienkämpfer auch im sozialistischen Jugoslawien nicht verstummte. In einer letzten Revolte meldeten sich die verbliebenden Veteranen im Jahr 1984 zu Wort und kritisierten Fehlentwicklungen im sozialistischen System und forderten Veränderung ein. Obwohl viele von ihnen, gerade in den Jahren des Wideraufbaus, in Staat und Militär wichtige Positionen bekleidet hatten, erhielten sie sich ihren kritischen Geist. Mehrheitlich blieben sie damit jenen Idealen von Freiheit und Gleichheit treu, die sie einst für die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg hatte Partei ergreifen lassen. Doch die sozialistische Funktionsschicht ignorierte die Krisensymptome weiter und ließ den Appell der Spanienkämpfer ungehört verhallen. Im Gegenteil mussten sich diese für den Aufruf vor ihrer Partei rechtfertigen und als Staatsfeinde beschimpfen lassen. Dass die weitere Entwicklung Jugoslawiens den Spanienkämpfern auf fatale Weise Recht geben sollte, ist da nur ein schwacher Trost.

Heute setzt sich der Verband von Milo Petrović dafür ein, dass die Leistungen der Spanienkämpfer, insbesondere im Befreiungskampf, nicht in Vergessenheit geraten. Er muss dabei gegen den aufkommenden Anti-Antifaschismus in der serbischen Gesellschaft ankämpfen, der unter anderem in Straßenrückbenennungen seinen Ausdruck findet.

Dieses offensichtlichste aller geschichtspolitischen Instrumente zeugt von einem tiefgreifenden Wandel des Geschichtsbildes und der Wertvorstellungen innerhalb des postsozialistischen Serbiens. Eine Erfahrung, welche auch den Bürger_innen der ehemaligen DDR nicht fremd sei dürfte.  

 

Nach diesem von der Vergangenheit ausgehenden Blick auf die Gegenwart, wandten wir uns aus aktuellem Anlass nun den Entwicklungen der Weltinnenpolitik zu. Auch in Belgrad war die sogenannte „Flüchtlingskrise“ zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts angekommen. Nachdem Mazedonien die Grenzen zu Griechenland geöffnet hat, kommen am Belgrader Hauptbahnhof nach vorsichtigen Schätzungen täglich 1000 bis 2000 Geflüchtete an. Sie kampieren hier auf dem Platz zwischen Zug- und Busbahnhof unter zum Teil katastrophalen hygienischen Bedingungen. Eine notdürftige Versorgung wird nur durch wenige Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer_innen sichergestellt. Dauerhaft in Serbien bleiben, wollen die Geflüchteten nicht. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, suchen sie ihr Glück im reichen Kerneuropa Deutschland und Skandinavien. Das relativ arme Serbien ist da nur eine Station unter vielen auf ihrer langen, gefahrvollen Flucht. Die Geflüchteten haben nur eine Art Transitvisum, mit dem sie sich maximal 72 Stunden zum Zweck der Durchreise in Serbien aufhalten dürfen. In dieser Zeit passieren die meisten den Belgrader Hauptbahnhof und steigen dann um in Busse, die zur ungarischen Grenze fahren.

Da Serbien bisher also kaum dauerhaft Geflüchtete aufnehmen musste, ist die Bevölkerung gegenüber den Durchreisenden weitestgehend positiv eingestellt. Die Stimmung könnte allerdings schnell kippen, wenn die Fertigstellung der ungarischen Grenzfestung die Geflüchteten unfreiwillig in Serbien stranden lässt.


Den Tag ließen wir im linken Kulturzentrum Oktobar ausklingen. Rund um ein Künstlerkollektiv ist hier ein Schutzraum für verfolgte Personen und eine Anlaufstelle für die gesellschaftliche Linke entstanden. Wir sprachen mit jungen Aktivist_innen über die Situation der Linken in Jugoslawien und diskutierten mit der renommierten Historikerin Olga Manojlović-Pintar über geschichtsrevisionistische Tendenzen in der serbischen Gesellschaft. Besorgniserregend ist hier, dass die Leistungen der überwiegend kommunistischen Partisanenbewegungen abgewertet und stattdessen die Kollaborateure der Tschetniks zu den wahren Helden des Vaterlands erklärt werden. 

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